Lektion 7 — Wer macht was? Warum? Wer zahlt?
Wie funktioniert das Gehirn wirklich?
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Verstehen statt Staunen: Wie funktioniert das Gehirn wirklich?
Im April 2013 kündigte Barack Obama ein Projekt an, das er mit dem Manhattan-Projekt und dem Mondprogramm verglich: die BRAIN Initiative — Brain Research through Advancing Innovative Neurotechnologies. Das Budget: über eine Milliarde Dollar in zehn Jahren. Das Ziel: eine detaillierte dynamische Karte der neuronalen Aktivität im menschlichen Gehirn.
Wenige Wochen später, im gleichen Monat, kündigte die Europäische Kommission das Human Brain Project an: zehn Jahre, eine Milliarde Euro, geleitet vom Schweizer Neurowissenschaftler Henry Markram. Ziel: das menschliche Gehirn vollständig auf einem Supercomputer zu simulieren.
Zwei Milliarden Euro und Dollar, zwei Kontinente, ein Organ.
Was wurde daraus?
Die Brain-Initiative (USA)#
Die BRAIN Initiative wurde 2013 von Obama gestartet, ist inzwischen bis 2026 verlängert worden und hat bis heute über sechs Milliarden Dollar investiert. Die Förderung verteilt sich auf Hunderte von Projekten an Universitäten und Forschungsinstituten.
Die Schwerpunkte sind methodisch: bessere Werkzeuge zur Messung und Stimulation neuronaler Aktivität. Das war eine bewusste Entscheidung — nicht "verstehe das Gehirn als Ganzes", sondern "entwickle Instrumente, mit denen das möglich wird". IARPA (die Geheimdienstforschungsbehörde, bekannt aus der KI-Forschung) ist ebenso involviert wie das NIH und die DARPA.
Konkrete Ergebnisse: Neue Optogenetik-Methoden, verbesserte Elektroden-Arrays, hochauflösende Electron-Mikroskopie für Synapsenkartierung, verbesserte fMRI-Protokolle. Wenig medienwirksam — aber methodisch wichtig.
Das Human Brain Project (Europa)#
Das Human Brain Project war ehrgeiziger und — nach allgemeiner Einschätzung — problematischer.
Henry Markrams ursprüngliche Vision: Wenn man nur alle biophysikalischen Parameter eines Neurons kennt, kann man das gesamte menschliche Gehirn simulieren. Die Idee hat eine elegante Logik: Physik ist Physik. Ein simuliertes Neuron, das dieselben Eigenschaften wie ein biologisches hat, wird sich genauso verhalten.
Das Problem: Die Gemeinschaft der Neurowissenschaftler war skeptisch. 2014 unterzeichneten mehr als 800 Forscher einen offenen Brief, in dem sie das HBP wegen fehlender wissenschaftlicher Transparenz und mangelhafter Community-Einbindung kritisierten. Das Projekt wurde umstrukturiert, Markrams Rolle wurde reduziert.
Heute ist das Human Brain Project zur EBRAINS-Initiative geworden: eine Forschungsinfrastruktur für Neurowissenschaften in Europa, mit Datenbankzugang, Simulationsumgebungen und Kollaborationsplattformen. Bescheidener als das Original, aber möglicherweise nachhaltiger.
Das Allen Institute (Seattle)#
Paul Allen — Mitgründer von Microsoft — gründete 2003 das Allen Institute for Brain Science in Seattle. Es ist kein universitäres Institut, sondern eine privat finanzierte Forschungsorganisation mit einem eigenständigen Modell: nicht einzelne Projekte, sondern "industrial-scale" Neurowissenschaft — große Datenbanken, standardisierte Protokolle, öffentlich zugängliche Ergebnisse.
Das Allen Brain Atlas ist eines der sichtbarsten Ergebnisse: eine öffentliche, interaktive Karte der Genexpression im Mäusegehirn und im menschlichen Gehirn. Es wird weltweit von tausenden Labors genutzt. Christof Koch — einer der führenden Bewusstseinsforschern der Welt — war lange Zeit Chef-Wissenschaftler am Allen Institute.
Das Modell ist bemerkenswert: private Finanzierung, öffentliche Daten, kein kommerzielles Interesse. Es zeigt, dass Philanthropiekapital in der Grundlagenforschung eine Rolle spielen kann, die staatliche Förderung oft nicht ausfüllt.
Neuralink und die Privatwirtschaft#
Neuralink — 2016 von Elon Musk und anderen gegründet — ist das sichtbarste Beispiel dafür, dass kommerzielle Interessen die Neurowissenschaft verändert haben.
Das Unternehmen hat ein konkretes Produkt entwickelt: einen implantierbaren Chip, der mit Elektroden direkt in der Hirnrinde Neuronen misst. Im Gegensatz zu akademischen BCIs (die oft externe oder halbimplantierbare Elektroden nutzen) ist der Neuralink-Chip vollständig implantiert, drahtlos und miniaturisiert.
Im Januar 2024 hat Neuralink den ersten Menschen — Noland Arbaugh — implantiert. Es gab anfängliche Komplikationen (Elektroden haben sich teilweise aus dem Hirngewebe gelöst), aber die grundlegenden Funktionen wurden demonstriert. Aktuell befinden sich weitere Testpersonen in klinischen Studien.
Was Neuralink von akademischen Projekten unterscheidet: Das Tempo, das Geld, und die Kommunikationsstrategie. Was Neuralink mit akademischen Projekten teilt: die grundlegende wissenschaftliche Basis, die ohne Jahrzehnte öffentlich finanzierter Forschung an Universitäten nicht existieren würde.
DACH: Max-Planck, Charité, Bernstein#
In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Hirnforschung verteilt auf mehrere Institutionen:
Das Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt — unter der Leitung von Moritz Helmstaedter — arbeitet an Konnektomik: der vollständigen Kartierung neuronaler Verbindungen in kleinen Hirnregionen. Seine Gruppe hat 2022 den bisher vollständigsten Schaltplan eines Teils des Mäusehirns veröffentlicht.
Die Charité Berlin ist Europas größtes Universitätsklinikum und beherbergt mehrere Neurowissenschafts-Gruppen, darunter das Bernstein Center for Computational Neuroscience. Computational Neuroscience — die mathematische Modellierung neuronaler Systeme — ist ein Brückenfeld zwischen Neurowissenschaft und Informatik.
Kein einzelnes Zentrum in DACH hat das Budget oder die Sichtbarkeit von BRAIN Initiative oder Allen Institute. Aber in Schlüsselbereichen wie Konnektomik und theoretischer Neurowissenschaft ist die deutschsprachige Forschung international führend.
Nächste Lektion: Was ist umstritten? — Die vier größten Kontroversen der Hirnforschung, von der Computer-Analogie bis zur BCI-Ethik.
Lesezeit: ca. 9–10 Minuten