Lektion 7 — Wer macht was? Warum? Wer zahlt?
Was ist Evolution wirklich?
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Verstehen statt Staunen: Was ist Evolution wirklich?
Das Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie liegt in Plön, einer kleinen Stadt am Ufer des Großen Plöner Sees in Schleswig-Holstein. Es ist nicht zufällig dort — das Institut wurde 1927 am See gegründet, weil stehende Gewässer für ökologische und evolutionäre Forschung ideal sind. Algen, Wasserflöhe, Fische: ein natürliches Labor. Heute ist das Institut mit etwa 350 Wissenschaftlern eines der wichtigsten Zentren für Evolutionsforschung in Europa.
Svante Pääbos Institut — das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie — liegt in Leipzig. Auch eine Max-Planck-Gesellschaft, eine der größten Wissenschaftsorganisationen der Welt, mit 86 Instituten und einem Jahresbudget von über zwei Milliarden Euro, zu 50% vom Bund, zu 50% von den Bundesländern finanziert.
Das ist die Struktur hinter der deutschen Evolutionsforschung: öffentlich finanziert, langfristig orientiert, international vernetzt.
Die globale Infrastruktur der Evolutionsforschung
Evolutionsforschung ist eine globale Unternehmung — sie erfordert Feldarbeit auf allen Kontinenten, Fossilien in Museen weltweit, Genomprojekte in Dutzenden von Ländern, Rechenkapazität für phylogenetische Analysen.
Die großen Naturkundemuseen — das Natural History Museum London, das American Museum of Natural History in New York, das Naturkundemuseum Berlin — sind nicht nur Ausstellungsorte. Sie sind Forschungsinstitutionen mit Sammlungen von Millionen von Fossilien und Präparaten, auf die Forscher weltweit zugreifen.
Das Earth BioGenome Project, 2018 gestartet, hat das Ziel, die Genome aller eukaryotischen Lebewesen auf der Erde zu sequenzieren — über 1,5 Millionen bekannte Arten. Ein Projekt von der Größenordnung des Human Genome Project, aber hundertmal größer. Wenn abgeschlossen, wird es die phylogenetische Landschaft vollständig neu zeichnen.
Evolution in der angewandten Forschung
Evolutionsforschung ist nicht nur akademisch. Sie ist in vielen Industrien die Grundlage von Entwicklungsprozessen.
In der Pharmaindustrie: Directed Evolution — die gezielte Anwendung evolutionärer Mechanismen auf Proteine im Labor — ist heute Standard. Man erzeugt Tausende von zufälligen Varianten eines Proteins, selektiert jene mit gewünschten Eigenschaften, wiederholt den Zyklus. Frances Arnold (Caltech) erhielt 2018 den Nobelpreis für Chemie dafür. Enzyme für Waschmittel, Medikamente, Biokraftstoffe — viele wurden durch Directed Evolution entwickelt.
In der Landwirtschaft: Züchtung ist beschleunigte Evolution. Moderne Genomik erlaubt es, gezielt Varianten zu identifizieren, die Dürreresistenz, höhere Erträge oder bessere Nährstoffprofile erzeugen. Was früher Jahrzehnte dauerte, ist durch genomische Selektion auf wenige Generationen komprimiert worden.
In der Biotechnologie: Das CRISPR-Cas9-System — das in einem anderen Kurs dieser Reihe genauer betrachtet wird — ist selbst ein evolutionäres Werkzeug. Bakterien haben es als Abwehrmechanismus gegen Viren entwickelt, über Millionen von Jahren. Wir haben es "geklaut" — und nutzen es nun als Präzisionswerkzeug zur Genombearbeitung.
Wer bezahlt die Evolutionsforschung?
Überwiegend die öffentliche Hand.
In Deutschland: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft. In Europa: der Europäische Forschungsrat (ERC), Horizon Europe. In den USA: National Science Foundation (NSF), National Institutes of Health (NIH).
Die Grundlagenforschung — das Verstehen, wie Evolution funktioniert — ist fast vollständig öffentlich finanziert. Die angewandte Forschung — wie man evolutionäre Mechanismen nutzt — wird zunehmend von der Privatwirtschaft mitgefördert, oft in Zusammenarbeit mit Universitäten.
Das bedeutet auch: Evolutionsforschung ist keine Interessenforschung. Es gibt keine Pharmafirma, keinen Konzern, der ein finanzielles Interesse daran hat, dass Evolution "wahr" oder "falsch" ist. Das unterscheidet sie von manchen anderen wissenschaftlichen Feldern, wo Interessenkonflikte die Debatte beeinflussen.
Die Menschen: ein Porträt der Forscher
Evolutionsforschung ist so divers wie das Leben selbst.
Richard Lenski, dessen LTEE wir mehrfach erwähnt haben, ist ein Mikrobiologe, der 1988 einen simplen Versuch startete und nie aufhörte. Er bloggt öffentlich über seinen Versuch und seine Ergebnisse — transparent, zugänglich, manchmal polemisch, wenn er Fehlinformationen über sein Werk begegnet.
Peter und Rosemary Grant sind ein Ehepaar, das seit über 40 Jahren jedes Jahr mehrere Monate auf der winzigen Insel Daphne Major lebt, um Finken zu messen und zu beringen. Beide sind seit Jahren emeritiert und forschen noch immer.
Svante Pääbo ist der Sohn des Nobelpreisträgers Sune Bergström — ein glücklicher oder unglücklicher Umstand (er wusste als Kind nicht, dass sein Vater der Biochemiker war, mit dem er kaum Kontakt hatte). Er begann seine Karriere mit dem Versuch, Ägyptische Mumien zu sequenzieren, scheiterte kläglich — und baute daraus die Methoden, die ihn zum Nobel führten.
Die Forschungslandschaft ist international. Ohne Migration wäre moderne Wissenschaft undenkbar. Das Neanderthal-Museum in Mettmann, NRW — wenige Kilometer von dem Steinbruch entfernt, wo 1856 der erste Neandertaler-Fund gemacht wurde — ist ein regionaler Ankerpunkt dieser globalen Geschichte.
Nächste Lektion: Was ist umstritten? — Was Wissenschaftler tatsächlich debattieren, und was keine Debatte ist, auch wenn sie so dargestellt wird.
Lesezeit: ca. 8–9 Minuten