Lektion 6 — Die mRNA-Revolution

Wie funktionieren Impfstoffe wirklich?

1

Learning Material

1 pages

Lektion 6 — Die mRNA-Revolution

Seite 1 von 1

Verstehen statt Staunen: Wie funktionieren Impfstoffe wirklich?


Im Jahr 1995 war Katalin Karikó Assistenzprofessorin an der University of Pennsylvania. Sie arbeitete an mRNA-Therapien — der Idee, dem Körper genetische Bauanleitungen zu geben, damit er seine eigenen Heilmittel produziert. Es war eine faszinierende Idee. Und kaum jemand interessierte sich dafür.

Die University of Pennsylvania stufte sie zurück. Sie verlor ihre Förderung. Ihr Gehalt wurde gekürzt. Ihre Anträge auf Forschungsgelder wurden abgelehnt — mal, zweimal, immer wieder. In der akademischen Welt gilt Rückstufung als Signal: Diese Forscherin ist es nicht wert. Ihr Thema ist es nicht wert.

Karikó gab nicht auf.

Das Problem, das sie lösen musste, war fundamental: Wenn man mRNA in den Körper einbringt, greift das Immunsystem sie an. Synthetische mRNA sieht dem Immunsystem fremd genug aus, dass es sie als Bedrohung identifiziert und eine entzündliche Reaktion auslöst — oft so stark, dass die Therapie unmöglich wird. Die mRNA wird zerstört, bevor sie ihre Aufgabe erfüllen kann.


Die entscheidende Entdeckung

In den frühen 2000ern arbeitete Karikó eng mit Drew Weissman zusammen, einem Immunologen der University of Pennsylvania, der an HIV-Impfstoffen forschte. Zusammen stellten sie eine Hypothese auf: Was wenn man die mRNA minimal verändert — bestimmte chemische Bausteine, die Nukleoside, durch modifizierte Versionen ersetzt —, sodass das Immunsystem sie nicht mehr als fremd erkennt?

2005 veröffentlichten sie ihre Antwort. Durch den Ersatz von Uridin durch Pseudouridin — eine leicht veränderte Version desselben Nukleosids — ließ sich die Immunaktivierung dramatisch reduzieren. Die mRNA blieb funktionsfähig, wurde aber vom Immunsystem nicht mehr als Angriff gewertet.

Das war der Durchbruch. Nicht sofort anerkannt — ihr Paper wurde zunächst von den wichtigsten Fachzeitschriften abgelehnt —, aber rückwirkend fundamental. Ohne diese Entdeckung gibt es keine mRNA-Impfstoffe.

2023 erhielten Karikó und Weissman den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.


Von der Entdeckung zum Impfstoff

BioNTech war ein relativ kleines deutsches Biotechunternehmen, gegründet von Ugur Sahin und Özlem Türeci in Mainz. Das Paar — beide Kinder türkischer Einwanderer, beide Ärzte und Wissenschaftler — hatte BioNTech ursprünglich auf personalisierte Krebsimmuntherapien ausgerichtet. Die mRNA-Technologie war ihr Werkzeug.

Als Sahin am 25. Januar 2020 den Lancet-Artikel las, wusste er sofort: mRNA ist die richtige Antwort. Man braucht nur das Spike-Protein des Virus als Antigen, und das Gensequenz des Virus war bereits veröffentlicht. Man könnte den mRNA-Code für das Spike-Protein in silico entwerfen — am Computer —, ohne den Virus je in die Hand nehmen zu müssen.

Was folgte, war ein logistisches und wissenschaftliches Wunder, das auch ein Finanzierungsphänomen war. Die US-Regierung investierte über Operation Warp Speed Milliarden Dollar — nicht in einen bestimmten Impfstoff, sondern in mehrere parallele Kandidaten gleichzeitig, sodass man sich nicht sequenziell durch Optionen arbeiten musste. BioNTech erhielt von der EU und der deutschen Bundesregierung ebenfalls Unterstützung.

Klinische Phasen, die normalerweise sequenziell ablaufen, wurden parallel durchgeführt. Die Produktion wurde bereits aufgebaut, bevor die Zulassung erteilt war — ein finanzielles Risiko, das im Falle eines negativen Ergebnisses zu massiven Verlusten geführt hätte.

Am 2. Dezember 2020 kam die Notfallzulassung. Elf Monate nach dem ersten Entwurf.


Was die Plattform jetzt kann: Krebsimpfstoffe

Die mRNA-Technologie ist keine Lösung für ein einziges Problem. Sie ist eine Plattform — ein Fundament, auf dem man viele verschiedene Anwendungen aufbauen kann.

Der nächste große Schritt sind personalisierte Krebsimpfstoffe. Krebszellen haben an ihrer Oberfläche oft mutierte Proteine — sogenannte Neoantigene —, die gesunde Zellen nicht haben. Das Immunsystem könnte diese Proteine erkennen und die Krebszellen angreifen. Das Problem: Jeder Tumor ist anders. Die spezifischen Neoantigene variieren von Patient zu Patient.

Mit mRNA-Technologie lässt sich ein individueller Impfstoff herstellen: Man sequenziert den Tumor eines Patienten, identifiziert seine spezifischen Neoantigene, designt die entsprechende mRNA — und produziert einen Impfstoff, der genau auf diesen Tumor abgestimmt ist. In einer Phase-2-Studie von Moderna und MSD (2022/2023) zeigte ein solcher personalisierter Melanom-Impfstoff in Kombination mit Pembrolizumab eine Reduktion des Rückfall- oder Todesrisikos um etwa 44 Prozent gegenüber Pembrolizumab allein.

Das ist noch keine zugelassene Therapie. Aber es ist der überzeugendste frühe Hinweis, dass die Plattform tatsächlich das halten könnte, was sie verspricht.


Nächste Lektion: Wer macht was? Warum? Wer zahlt? — Die Akteure hinter der Impfstoffentwicklung: Staaten, Stiftungen, Pharmafirmen.


Lesezeit: ca. 9–10 Minuten

Want more?

Sign up for AI tutoring, study plans, exam prep, and more.

Sign up free