Lektion 7 — Wer macht was? Warum? Wer zahlt?
Wie funktionieren Impfstoffe wirklich?
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Verstehen statt Staunen: Wie funktionieren Impfstoffe wirklich?
Impfstoffe gelten in der Pharmaindustrie seit Jahrzehnten als unattraktives Geschäftsfeld. Das klingt paradox — aber die Logik dahinter ist nicht schwer zu verstehen.
Ein Arzneimittel gegen chronische Krankheiten — Bluthochdruck, Diabetes, Rheuma — hat ein stabiles, dauerhaftes Geschäftsmodell. Patienten nehmen es täglich über Jahre oder Jahrzehnte. Impfstoffe dagegen werden oft einmalig oder selten gegeben. Ihre Wirkung ist präventiv, nicht kurativ — sie verhindern Krankheiten, die dann nicht entstehen. Verhinderte Krankheiten sind schlecht zu monetarisieren.
Das Ergebnis: Impfstoffe sind historisch unterfinanziert, und der Privatsektor investiert nur zögerlich in neue Kandidaten — jedenfalls solange keine offensichtliche Nachfrage besteht.
Öffentliche Gelder, Stiftungen, Koalitionen
In diese Lücke treten staatliche Institutionen und philanthropische Organisationen ein.
Das US-amerikanische National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) unter Anthony Fauci finanzierte jahrzehntelang Grundlagenforschung zu Impfstoffen — darunter auch die frühe mRNA-Forschung. Die Arbeit von Karikó und Weissman an der University of Pennsylvania war teilweise durch NIH-Mittel möglich.
Die Bill & Melinda Gates Foundation hat seit ihrer Gründung über zwölf Milliarden Dollar in globale Gesundheitsforschung investiert, darunter Milliarden für Impfstoffe gegen Malaria, Tuberkulose und Polio — Krankheiten, die vor allem ärmere Länder betreffen, wo das Marktpotenzial gering ist.
CEPI — die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations — wurde 2017 nach der Ebola-Epidemie gegründet, mit Unterstützung von Regierungen, der Gates Foundation und anderen Gebern. Ihre Mission: Impfstoffe gegen potenzielle Epidemieerreger entwickeln, bevor die Epidemie ausbricht. Eine der Technologien, in die CEPI investierte, war mRNA.
COVAX und die Frage der globalen Verteilung
COVAX ist der internationale Mechanismus, der sicherstellen sollte, dass COVID-19-Impfstoffe auch in ärmere Länder gelangen — nicht erst nach den reichen. Koordiniert von WHO, CEPI und der Impfstoffallianz GAVI, versorgte COVAX bis Ende 2022 rund zwei Milliarden Impfdosen in 144 Ländern.
Das klingt nach einem Erfolg. Ist es, aber nur teilweise. Reiche Länder — auch Deutschland — hatten Vorauskaufverträge direkt mit Herstellern abgeschlossen, die ihnen bevorzugten Zugang sicherten. Südafrika, Indien, Bangladesch erhielten ihre Lieferungen später und in kleineren Mengen. Das Virus machte keine Pause, während das Verteilungssystem aufgebaut wurde.
Der globale Gerechtigkeitsaspekt von Impfstoffen ist real und komplex. Er verknüpft medizinische Fragen mit handelspolitischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen.
BioNTech: Ein deutsches Beispiel
BioNTech wurde 2008 in Mainz gegründet. Sahin und Türeci — beide Kinder türkischer Gastarbeiter, beide in Deutschland aufgewachsen und ausgebildet — hatten ein Unternehmen für Krebsimmuntherapien gegründet, keine Impfstofffirma. Der Schwerpunkt lag auf personalisierten Krebsvakzinen.
Bis COVID-19 war BioNTech ein mittelgroßes Biotechunternehmen mit 1.300 Mitarbeitern und keinem einzigen zugelassenen Produkt auf dem Markt. Innerhalb von 18 Monaten wurde es zu einem der bekanntesten Pharmaunternehmen der Welt.
Heute unterhält BioNTech Forschungsstätten in Mainz, Berlin, Hamburg, Cambridge (UK) und Boston (USA) und arbeitet an mRNA-Krebsimpfstoffen, HIV-Impfstoffen und Therapien gegen Tuberkulose und Malaria — Krankheiten, für die es seit Jahrzehnten keine wirksamen Impfstoffe gibt.
CureVac, ein weiteres deutsches mRNA-Unternehmen mit Sitz in Tübingen, hat einen anderen mRNA-Ansatz verfolgt. Ihr COVID-19-Kandidat zeigte in Phase-3-Studien geringere Wirksamkeit als BNT162b2 und wurde nicht zugelassen — ein Hinweis darauf, dass die Technologie zwar gut ist, aber die Umsetzung entscheidend ist.
STIKO: Die Impfkommission
In Deutschland ist die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut für die Bewertung und Empfehlung von Impfstoffen zuständig. Die STIKO ist ein unabhängiges Expertengremium — keine Behörde mit Entscheidungsbefugnis, aber ihre Empfehlungen werden von den meisten Ärzten und Behörden als Leitlinie behandelt.
Die STIKO prüft für jeden Impfstoff Nutzen und Risiken auf Basis der verfügbaren Daten und gibt differenzierte Empfehlungen: für wen, in welchem Alter, wie oft. Diese Empfehlungen sind keine Impfvorschriften — sie sind wissenschaftlich begründete Orientierungen.
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